"Nichtort" wird ein Roman über das Recht auf Identität und die Unmöglichkeit, eine zu haben.

 

Nichtort

 

Kim Irbach ist Professorin für Englische Sprache und Literatur – genauer: für Nordamerikastudien – an einer Berliner Hochschule. Als solche wurde sie berufen; es steht schwarz auf weiß auf ihrer Verbeamtungsurkunde, wenn auch unter anderem Namen. Neuerdings ist sie nicht mehr Professorin, sondern Professorin. Oder, im Alltag, kurz: Prof. Sie hat ihr Geschlecht eliminiert, so wie man eines Tages beschließt, keine weißen Socken mehr zu tragen, weil sie immer so schnell schmutzig werden. Auch ihr Geschlecht ist zu schnell schmutzig geworden, findet Kim. Zu oft wurde es angeschaut und begutachtet. In den Berufungskommissionen haben die Kollegen ihre Blicke daran abgewischt und Spuren hinterlassen, die einfach nicht mehr abgehen wollen. Ihr Geschlecht hat dabei Flecken und weiche Stellen bekommen wie ein Pfirsich im Supermarkt, den die Leute befummeln und zurücklegen, weil er noch nicht reif ist. Vielleicht ist das das Problem, dass sie nicht rechtzeitig reif geworden ist. Schon bevor sie herausfinden konnte, wer sie war, wussten andere Bescheid. Ihre Mutter hatte sich immer ein Mädchen gewünscht. Ein Mädchen reichte; ein Mädchen war gerade mehr als sie allein und doch weniger als eine Familie. Kim war ein Leichtgewicht. Wenige Jahre später wurde noch ein Bruder geboren, der das Gleich-Leicht-Gewicht empfindlich störte. Fortan musste Kim ihre Mutter vor dem schwerwiegenden Verlangen des Bruders in Schutz nehmen. Sie selbst hätte sich mit weniger zufrieden gegeben, wenn der Junge sie nicht so gedauert hätte. So kümmerte sie sich um ihn und allmählich dämmerte ihr, dass es von Vorteil sein konnte, nicht ganz allein auf dieser Welt zu wandeln, sondern gleich sich und andere mit zu wandeln.

Bis zu ihrer eigentlichen Verwandlung dauerte es freilich noch eine ganze Generation. Erst vor zwei Jahren, mit 37, legte sie ihren ungeliebten Vornamen ab, erfand einen neuen und forderte die Öffentlichkeit heraus, sie künftig weder als Frau noch als Mann zu betrachten.

Diese neue Identität, die sie annahm, ließ sich jedoch erwartungsgemäß nicht von der zwingenden Eigenheit des Geschlechts rein halten. Mehr als zuvor musterten sie die Leute mit neugierigen und aufsässigen Blicken, um sich Klarheit zu verschaffen, was sie denn nun eigentlich sei, gewesen sei oder sein werde. Immer hartnäckiger haftete der fremde Schmutz an ihr und obwohl sie nicht so blauäugig gewesen war, dies nicht vorauszusehen, stöhnte sie unter dem Kreuz, das sie sich aufgeladen hatte, unter dem sie immer wieder strauchelte und in den allgemeinen Dreck fiel. Nicht selten sehnte sie sich zurück nach der Zeit, als sie die große Schwester gewesen war und nichts sonst. Wie ein Fleisch gewordenes Fragezeichen schlich sie durch die Uni und sie konnte noch so viele heimliche Reinigungsrituale vollziehen, etwas irritierte sie doch immer, wenn sie mit sich allein war. Was jeden Menschen irgendwann durchfährt, dieser furchtbare Schreck, sich selbst plötzlich für einen kurzen Augenblick nicht mehr wiederzuerkennen, im Spiegel, auf Fotos, in den Blicken der anderen, das erlebte sie Tag für Tag.

Irgendwann begann sie sich daran zu gewöhnen und Trost in der Philosophie zu suchen. Identität ist ein Trugbild, natürlich. Warum sich darüber aufregen? Sie war mutig genug, die Ungewissheit auszuhalten. Irgendjemand musste es doch einmal wagen. Die Zeit war reif, sie selbst war es immer noch nicht ganz. Aber fast.

Ihr Bruder behandelte sie, als wäre nichts geschehen. Ihre Mutter machte sich Sorgen. Ihre Freunde – ja, sie hatte Freunde – bewunderten sie. Manche hatten Mitleid mit ihr. Und viele, sehr viele hassten sie.

Den Hass hatte sie nicht ganz so deutlich kommen sehen. Sicher, der Backlash war eine Tatsache, alle Jahre wieder. Das Kennzeichen des Wandels ist, dass er unbeständig ist. Auch damit tröstete sie sich, dass ihre Entscheidung ja nicht unumkehrbar war. Eines Tages würde sie vielleicht wieder eine Frau sein. Oder ein Mann. Oder etwas Drittes. Die Zahl Drei war eine Verheißung, ein geheimer Abzweig auf dem abendländischen Karrenweg vom Dualismus zum Monismus und zurück. Auf dem Schleichweg der Dreiheit konnte sie sich ins Gebüsch schlagen, querfeldein marodieren, den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Und nicht nur sie konnte es tun, wenn sie wollte, alle Menschen. Sie müssten nur wollen.

Andere Kulturen kennen das dritte Geschlecht: Indien, Mexiko, Polynesien, Thailand. Die nordamerikanischen Ureinwohner nannten es Two-Spirit, Zweigeist. Ein poetischer Ausdruck, über den man schier aus dem Häuschen geraten könnte vor Glück. Endlich ein Name und was für einer! Aber er bringt die gesamte Misere der Zweigeschlechtlichkeit auf den Punkt: Eins plus eins ist zwei. Nicht drei. Nicht frei.

Kim Irbachs Problem ist die routinierte Faulheit der Sprache. Sprachgewohnheiten sind wie ansteckende Krankheiten: Einmal aufgeschnappt, schwupps, und schon wird man sie nicht mehr los. Aber nur, wenn die epidemische kritische Masse erreicht, wenn die Ansteckungsgefahr groß genug ist. Umgekehrt gilt nämlich auch: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Die meisten Leute wechseln ihre Kleider täglich, ihre Adjektive nie.

Sprache ist dumm. Sie kann nicht einmal bis drei zählen. Bei ihr heißt es: eins, zwei, viele. Und leicht muss man es ihr machen, so simpel wir möglich. Sonst kriegt sie Migräne. Kims Kollege Niklas Robenau, Professor für Klassische Philologie an derselben Hochschule, ist ganz ihrer Meinung. Er beklagt schon den Niedergang von der Antike zum Mittelalter, sogar von Griechisch zu Latein. Diese neurasthenische Schlaffheit, die alle Sprachen irgendwann überkommt. Kasusflexion, Zeitenfolge? Nein danke, viel zu kompliziert. Lieber ein bisschen drum herum reden und zur Not die Lücken füllen: hier ein Pronomen, da eine Präposition. Vielleicht noch ein Hilfsverb? Oder auch zwei? Warum nicht. Und ein paar Jahrhunderte später wird es noch schlimmer, da heißt es dann: Unregelmäßige Verben? Ach, nicht heute, ich habe solche Kopfschmerzen.

Sprachhygiene ist nicht Kims Aufgabe, sagt sie. Ihretwegen kann die Sprache ruhig ein bisschen stinken. Kims Ziel ist, die Sprache klug machen. Sie will sie dazu bringen, über sich selbst nachzudenken. Das ist nicht gerade die Stärke der Sprache. Lieber sagt sie sich selbst vor, wenn sie geprüft wird. Liest den alten Quark von ihrem Spickzettel ab, der dadurch nicht richtig wird, sondern bekanntlich nur breit. Die Sprache will nicht hören. Schon gar nicht auf Kim. Dabei hat sich Kim so ein schönes Lernprogramm für sie ausgedacht. Sie soll endlich begreifen, dass es mehr gibt, als sie denkt. Und das soll sie ausdrücken, indem sie weniger sagt, als sie denkt. Statt „eins, zwei“ soll sie jetzt „_“ sagen. Zu kompliziert für die Sprache. Nahezu paradox. Wie soll die Vielheit durch Vereinheitlichung dargestellt werden? Das kapiert die Sprache nicht. Das will ihr nicht in den Kopf. Und sie steht nicht allein da. Die Menschen, die sie am Leben erhalten, verstehen es auch nicht.

Und dieser Unterstrich! Noch ein grafisches Zeichen, mit dem die Sprache nicht umzugehen weiß. Als müssten wir uns nicht schon mit Apostrophen, Anführungszeichen und Kommata herumschlagen, die ohnehin kein Mensch richtig setzen kann. Das Semikolon ist ausgestorben und der Unterstrich soll durch künstliche Befruchtung zum Leben erweckt werden. Ein Zwitter aus dem Reagenzglas. Halt, Zwitter darf man nicht sagen. Da steckt wieder die vermaledeite Zwei drin.

Also, noch einmal: Der Unterstrich steht nicht für die Zweiheit, sondern für das Unbenennbare. Geschickter als er erfüllt der Asterisk diese Aufgabe. Der Unterstrich wirkt zu verbindlich, er verbindet A mit B – wie ein Scharnier – und tappt so wieder in die Dualismusfalle. Dagegen verweigert sich der Asterisk jeglicher Brückenfunktion. Er zwingt zum Innehalten, er schickt einen in die verordnete Denkpause. Noch dazu erfreut seine Symbolik das Auge. Hier werden die Sterne vom Himmel geholt und in den Text verpflanzt. Per astra ad aspera.

Nur aussprechen kann man das Sternchen leider genauso wenig wie den Unterstrich. Natürlich nicht, es geht ja um das Unbenennbare. Doch warum soll man Geschlecht eigentlich nicht benennen können? Weil es das neue Tabu ist. Der Name Gottes kommt uns mittlerweile leicht über die Lippen, umso leichter, je weniger wir an ihn denken. An das menschliche Geschlecht denken wir dagegen ständig und so will es uns nicht mehr so leicht von der Zunge gehen. Stattdessen prickelt es auf der Zunge wie Brausepulver und wird immer zäher und klebriger, bis man Schaum vor dem Mund hat und würgen muss.

Kim wird auch oft schlecht, wenn sie sieht, wie manche Leute ihr Geschlecht auskotzen, am Badestrand zum Beispiel, wo verwirrte Halbwüchsige sich messen und ihre Passform aneinander ausprobieren, sogenannte Jungen und Mädchen. So deutlich will sie es gar nicht vor sich haben, wie zweidimensional die Menschen sich selbst erleben. Wenn sie trotzdem gelegentlich im Strandbad Wannsee liegt, stellt sie sich vor, wie sie all die Körper ringsherum auseinanderbaut und die einzelnen Teile vertauscht. Wie gern würde sie die Gesichter sehen, wenn Malte plötzlich Lindas große Brüste hätte und Linda dafür Maltes kleinen Kopf.

Vorerst kann Kim aber nur Wörter sezieren, keine Körper. Den Unterstrich und den Asterisk hat sie verworfen, ebenso das Binnen-I und den Schrägstrich. Neue Besen kehren besser, sagt sie sich, und außerdem will sie weg von all dem Entweder-Oder. Eine einzige Form muss genügen. Abwege und Zwischenformen sollen vermieden werden. Die These von der kontinuierlichen Bisexualität der Menschen ist Kim suspekt, setzt sie doch voraus, dass sie dem Magnetfeld zwischen heterosexuellem Nordpol und homosexuellem Südpol niemals entrinnen können.

Kim hält es mit Angela Merkel: Die geschlechtliche Umgestaltung der Menschheit ist alternativlos und darum braucht man darüber nicht zu reden. Nicht reden heißt: Wir verbannen das Geschlecht aus unserer Sprache. Schluss, Punkt. Gestrichen. Ein für allemal.

Namen ändern ist leicht. Aber was ist mit all den unbehaglichen, schummrigen Nischen in der Sprache, in die das Geschlecht auch ständig hineinkriecht? Angefangen mit dem Artikel: Da haben es die Deutschen wieder einmal besonders schwer. Allerdings sind sie nicht die Einzigen. Gegenüber den Römisch sprechenden Völkern haben sie sogar einen Vorteil: Immerhin kennen sie ein drittes Geschlecht, das Neutrum. Was ist naheliegender, als dieses Neutrum zu besetzen, es für Kims Zwecke zu vereinnahmen? Leider scheidet diese Möglichkeit aus. Jemand ist ihr zuvorgekommen. Die Genderhasser, die Rechten, die Ewiggestrigen haben das Neutrum bereits usurpiert. Wann immer sie ihren Unrat über Kim und andere Revolutionäre auskippen, nennen sie sie „das Mensch“. Zweifellos wollen sie sie damit herabwürdigen, obwohl es Kim nicht einmal besonders stören würde, als Neutrum bezeichnet zu werden, wenn es nur freundlich gemeint wäre. Aber sie erinnert sich, dass es ein erprobtes Mittel des Terrors ist, Menschen zu versachlichen und wie Dinge zu behandeln. So geht es also nicht. Kim muss sich etwas anderes überlegen.

Wenn das grammatische Geschlecht genauso in Verruf gerät wie das biologische, an welchen Strohhalm soll man sich klammern? Welche Hilfskonstruktion zu zweifelhaften Ehren kommen lassen? Alternativlos. Darin liegt der Schlüssel. Keine Alternativen mehr. Einer für alle, alle für einen. Alles, was an Sprache geschlechtlich ist, muss abgestreift werden. Weil dann bald nichts mehr zu sagen übrig bliebe, kann es jedoch nicht verschwinden. Verschwinden hieße Faschismus, hieße Terror. Da Kim aber kein Sprachfaschist und Wortterrorist sein will, muss das Abstreifen und Streichen sichtbar bleiben. Das geht so: Kim Irbach ist Professorin für Englische Sprache und Literatur – genauer: für Nordamerikastudien – an einer Berliner Hochschule. Kim Irbach kennt keine Pronomen und keine Artikel mehr, Kim Irbach kennt nur noch Wörter.

Das fällt gar nicht so auf, meinen Sie? Es gibt auch andere Sätze: Die Konsulin Buddenbrook, neben ihrer Schwiegermutter auf dem geradlinigen, weiß lackierten und mit einem goldenen Löwenkopf verzierten Sofa, dessen Polster hellgelb überzogen waren, warf einen Blick auf ihren Gatten, der in einem Armsessel bei ihr saß, und kam ihrer kleinen Tochter zu Hilfe, die der Großvater am Fenster auf den Knien hielt.

Oder: Das Wort Mensch ist eine Substantivierung von althochdeutsch mennisc, mittelhochdeutsch mennisch für „mannhaft“ und wird zurückgeführt auf einen indogermanischen Wortstamm, in dem die Bedeutung Mann und Mensch in eins fiel – heute noch erhalten in man. Das Neutrum (das Mensch) hatte bis ins 17. Jahrhundert keinen abfälligen Beiklang und bezeichnete bis dahin insbesondere Frauen von niederem gesellschaftlichen Rang.

Schon deutlicher? Gut.

Kim bekommt einen Tennisarm vom ständigen Betätigen der „Durchgestrichen“-Taste und muss zur Physiotherapie gehen. Aber sie gibt nicht auf. Ihren ersten komplett entgenderten Text postet sie in einem Portal, wo sie unter falschem Namen angemeldet ist. Die Reaktion ist überwältigend. Über Nacht ist sie nahezu berühmt. Sie geht immer sehr spät ins Bett und um halb vier in der Frühe hat sie schon 1023 Likes und 61 Hasskommentare geerntet. Das mag auch am Inhalt ihres Textes liegen, der nicht ganz frei von pornografischen Abschweifungen ist. Kim schreibt Fan-Fiction, sie entwickelt Szenarien, die ihre Lieblingsbücher erweitern. In dem Fall ging es um die Entjungferung Hermine Grangers durch den vitalen Viktor Krum. So etwas liebt Kim und ihre Abonnenten lieben es auch. Fiktives Geschlechtsleben in korrekter Form, ein Schmankerl für jede offenherzige Person, gleich welcher Herkunft und Richtung.

Der Anfang ist gemacht. Nacht für Nacht überträgt Kim all ihre Schriften in die neue Sprache. Sie spielt mit dem Gedanken, sie auf Youtube vorzulesen, aber das Problem der mündlichen Streichung hat sie noch nicht in den Griff gekriegt. Vielleicht kann sie wenigstens beim Publikationsausschuss der Universität eine Druckkostenhilfe beantragen, um ihr schmales Werk noch einmal in redigierter Form zu veröffentlichen. Wichtig ist vor allem, dass sie schnell ist, schneller als andere, die auch in den Startlöchern sitzen. Da sie das Heft nun einmal in der Hand hält, will sie es nicht so schnell wieder hergeben. Ein komplett neuer Text muss her. Sie muss aus den anonymen Niederungen des Internets auftauchen und den Sprung in eine Welt wagen, in der die Menschen sie von Angesicht zu Angesicht kennen.

Nach einigen Wochen ist es geschafft. Ein Handbuch, eine theoretische Handreichung, wie man den kleinen Hinterlassenschaften des Geschlechts in der Sprache auf die Spur kommt, gespickt mit nützlichen praktischen Tipps. Rasch lädt sie es in ihre Dropbox und schickt den Link an Studentinnen und Fachkollegen, dann noch an den Präsidenten und die Kultusministerkonferenz und schließlich an alle Leute, die sie kennt. Ihr E-Mail-Verteiler ist ihr ganzer Stolz. Damit kann sie die Welt aus den Angeln heben.

Zufrieden geht sie schlafen. Als sie sich auszieht und dabei im Spiegel beobachtet, überkommen sie plötzlich Zweifel. Eine Möglichkeit hat sie nicht in Betracht gezogen: das Kind. Vielleicht ist das Kind das dritte Geschlecht. Mein Körper ist jedenfalls der eines Kindes. Und ich fühle mich auch so. Schuldlos schuldig. Unschuldig. Mit dem Geschlecht wie mit der Erbsünde befleckt, aber diese Flecken – Brustwarzen, Schamlippen, Haare, winzig und blass – sind nur an der Oberfläche, wie in die Haut eingewachsen. Darunter bin ich Fleisch, Blut, Knochen, Lebewesen. Man erkennt es, wenn man genau hinsieht. All das schimmert hindurch. Wenn auch die Haut immer dicker wird und sich die Konturen mit dem Alter verwischen, das Gerüst meiner Person bleibt bestehen. Ich kann es tasten. Ich kann es sogar brechen, wenn ich will.